Es ist eine beeidruckende Szenerie, wenn man Anfang Oktober die A21 in Richtung Westen fährt und sich in weiter Ferne die verschneiten Gipfel der französischen Hochalpen erheben. Doch viel Zeit um diesen Anblick zu genießen bleibt nicht, denn bereits bei Asti geht es in südlicher Richtung weiter nach Alba, der Hauptstadt des weißen Trüffels. Hier tummeln sich von Anfang Oktober bis Anfang Dezember zahlreiche Feinkosthändler und Genuss-Reisende aus der ganzen Welt, um den Trüffelsuchern ihre diesjährige Ernte schnellstmöglich zu vergolden. Zahlreiche Händler säumen die engen Gassen der Altstadt und aus den Geschäften duftet es nach allerlei Trüffelprodukten. Getrüffelter Käse, getrüffelte Salami, getrüffelte Pasta, Trüffelbutter, Trüffelöl… Eine schier unendliche Lithanei an Köstlichkeiten. Doch es gibt auch Trüffel in Reinform. Weiße und schwarze. Für die weißen ist Alba bekannt, der Preis für ein Kilogramm schwankt zwischen 2.500€ und 8.000€, gelegentlich auch darüber. In den Restaurants werden die Trüffel etwa 10% über dem Marktpreis angeboten. Neben weiteren lokalen Naturprodukten wie Steinpilze in allen Größen, Esskastanien oder handgemachten Agnolotti, schmücken sich die Händler auch mit wahren Raritäten. So ist es nicht selten, dass man in den reichhaltigen Auslagen auf eine kleine Menge Kaiserlinge stößt. Ein äußerst seltener und in Deutschland unter Artenschutz stehender Speisepilz, dem man nachsagt der wohlschmeckendste von Allen zu sein. Oder Karden. Das sind die Stengel einer Distelart die auch den Namen «Gemüse-Artischocke» trägt. Ähnlich wie beim gelben Chicorée werden hier Ende September die Stengel in die Blätter gewickelt und vor Lichteinfluss geschützt, damit sie ihre helle Farbe erhalten. Eine selten aufzufindende Delikatesse die nur noch wenige Köche zuzubereiten verstehen.
Agnolotti mit weißem Trüffel
Auslage bei einem der zahlreichen Trüffelhändler

Um der italienischen Apéro-Kultur nachzukommen und den ersten Appetit zu stillen, empfiehlt sich ein Sprung in das «Vincafe». Die reichhaltige Auswahl an offenen Weiß- und Rotweinen, Franciacorta und Prosecco bietet für jeden Gaumen das Richtige. Auf der Theke werden stets klein aufgeschnittene Pizzen, Grissini und Salami gereicht, bei denen man sich gerne bedienen darf. Hier ist jedoch Vorsicht geboten, insbesondere wenn man im Anschluss noch einen Tisch zum Mittagessen in einem anderen Restaurant gebucht hat. Denn die gereichten Anti-Pasti sind so einfach wie gut und schnell hat man einen Bissen (und ein Glas) zu viel. Schafft man jedoch noch rechtzeitig den Absprung, steht man vor einer Herausforderung. Es ist nämlich nicht besonders schwer in Alba gut zu essen, die Auswahl wo man dies tun möchte hingegen schon eher. Denn an Restaurants mit guter und zugleich bezahlbarer Küche mangelt es nicht. Die Grundzutaten der piemontesischen Küche sind von rustikaler Natur und somit nicht zu vergleichen mit z.B. der Hochküche der Côte d’ Azur. Brasato al Barolo, ein in Barolo geschmortes Stück aus der Rinderschulter bekommt man hier schon ab 11,-€, Tajarin (mit dem Messer hauchdünn geschnittene Bandnudeln) mit Butter und Salbei als Primi (8,-€) und Secondi (11,-€). Ans Eingemachte geht es erst, wenn man sich für eine großzügige Portion Trüffel über seinem Gericht entscheidet. Doch weshalb sonst führt einen der Weg nach Alba? Eine sichere Bank ist hierfür das «Ristorante La Piola», direkt am Piazza Duomo im historischen Zentrum Albas. Die Küche meistert die Gratwanderung zwischen spielerischen Akzenten und traditionellen Rezepten ohne dabei den Ursprung zu vernachlässigen. Dennis Panzeris Gerichte sind authentisch, schmackhaft, aber keinesfalls verstaubt.

Vom Zentrum Albas aus sind es etwa 15 Minuten Fahrt zu einem der bekanntesten und renommiertesten Weingüter des Piemonts. Elio Grasso. Der erfolgreiche Anwalt und Geschäftsmann wurde nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1983 vor die Wahl gestellt, seine Karriere als Direktor einer Turiner Bank weiterzuführen oder auf das elterliche Weingut in Monforte d’ Alba zurück-zukehren. Er tätigte kluge Investitionen, renovierte das Weingut und brachte die 13 Hektar großen, familieneigenen Weinberge auf Vordermann. Sein damaliges Ziel: in einem Atemzug mit den großen des Gebietes genannt zu werden. Heute, 32 Jahre danach, zählt er dazu und hat die Geschäfte mittlerweile seinem Sohn Gianluca überlassen. Das Anwesen liegt inmitten der Lage «Ginestra» vor einem offenen Kalkfelsen. In südöstlicher Ausrichtung grenzt direkt an das Weingut der Weinberg in dem die Trauben für den Barolo Riserva Rüncot wachsen. «Rüncot» ist eine Schöpfung aus dem örtlichen Dialekt und bedeutet kurzer, steiler Hang. Das trifft zu. Doch die Riserva-Qualität wird nicht jedes Jahr auf den Markt gebracht. Nur in besonders guten Jahren. Andernfalls werden die Trauben im Nebbiolo verarbeitet. Die beiden Lagen-Baroli bleiben davon unberührt um nicht ihr eigenes Terroir zu verfälschen. Sind die Bedingungen des Jahrgangs jedoch optimal, werden die wenigen Trauben (nach drastischer Grünlese sind das nicht mehr viele) 35 bis 40 Tage im Tank auf der Maische vergoren und reifen anschließend für mehrere Jahre zu 100% in neuen Barriques. Den Zeitpunkt des Verkaufs bestimmt einzig und allein Gianluca Grasso. Hin und wieder verkostet er die abgefüllten Riservas aus dem Flaschenlager und wartet so lange, bis die einzelnen Komponenten zueinander gefunden haben und der Beginn der langen Trinkreife erreicht ist. So verhindert er, dass sein Aushängeschild zu jung getrunken und dadurch unter Umständen nicht verstanden wird.

Die Kellerbesichtigung beginnt mit einem blitzsauberen Raum in dem die beiden Lagen-Baroli «Ginestra Casa Mate» und «Gavarini Chiniera» ihre Fassreife erlangen. Hier bleiben die Grassos traditionell und verwenden ausschließlich 2000 Liter fassende Holzfässer aus slowenischer Eiche, die bereits seit acht Jahren ihren Dienst tun. Durch einen große und schwere Türe in einem gemauerten Rundbogen führt der Rundgang in einen der wohl spektakulärsten Keller der Welt. Zwischen 2004 und 2007 errichteten die Grassos einen etwa 100 Meter langen Tunnel, der sich in U-Form durch den Felsen aus Kalk- und Sandstein windet und ganzjährig gleichbleibend kühle Temperaturen garantiert. An seiner tiefsten Stelle misst der Abstand zur Oberfläche etwa 35 Meter. Beim Betreten ist noch alles Dunkel, lediglich kleine LEDs die mittig aus dem Granitboden leuchten, lassen erahnen welche Dimension dieses Bauwerk hat und erinnern kurz an das Erscheinungsbild einer Landebahn. Doch mit zunehmendem Licht erkennt man die Barriques in denen der Barolo Riserva Rüncot und 50% des Barbera d’ Alba reifen. Der aktuelle Jahrgang ist frisch gefüllt, kommt im Frühjahr auf den Markt und somit ist Platz für den neuen Jahrgang. Dann türmen sich die Fässer wieder zweistöckig. Die Decke ist mit einem Spritzguss gegen eindringende Feuchtigkeit gesichert, die insbesondere bei Tauwetter ein großes Problem darstellen würde. In der Mitte des U-Bogens befindet sich eine hermetisch abgeriegelte Türe, die die beiden Bereiche klimatisch voneinander trennt. Während im Fasskeller die Luft noch etwas feuchter sein darf, ist das Klima im Flaschenlager deutlich trockener. Neben all den Flaschen die sich zu mannshohen Mauern auftürmen und auf die perfekte Reife warten, befindet sich in einer verglasten Nische am Ende des Kellers noch ein Raum in dem die großen Stahltanks für die anderen 50% des Barberas reifen. So schließt sich der Kreis und die beeindruckende Kellerbesichtigung geht in der Traubenanlieferung weiter. Hier stehen hochmoderne Gerätschaften, die den Grassos eine optimale Weiterverarbeitung der frisch eingebrachten Trauben ermöglichen. Der Ausblick, der sich den Arbeitenden dabei bietet ist spektakulär. Denn ganz oben auf einem der naheliegenden Hügel, thront das über 600 Jahre alte Castello der Familie Falletti als unübersehbares Monument aus dem historischen Ortskern der kleinen Gemeinde Serralunga d’ Alba hervor.